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Wie sich Marken wirklich abheben

Expertengespräch zur Differenzierung in der Praxis

In der Theorie klingt es einfach: Wer sich als Marke klar differenziert, ist erfolgreicher. Doch wie gelingt das in der Praxis? Selina Eugster, Tobias Hunziker und Simone Raubach tauschen sich darüber aus, was sich bewährt, was nicht funktioniert und was es braucht, damit auch KI die Einzigartigkeit erkennt.

Wenn Sie die Differenzierung von Marken in der Praxis beobachten: Was bewährt sich und was scheitert?

Tobias Hunziker, Simone Raubach und Selina Eugster und diskutieren darüber, was eine starke Differenzierung auszeichnet.© Die Schweizerische Post

Wenn Sie die Differenzierung von Marken in der Praxis beobachten: Was bewährt sich und was scheitert?

Selina Eugster, Inhaberin von Solid Identities: Es bewährt sich ausschliesslich das, was zur Identität des Unternehmens passt. Alles, was aufgesetzt ist, mag kurzfristig funktionieren, scheitert aber langfristig. Entscheidend ist, dass man weiss, wofür man steht. Dann gilt es, die Eigenheiten der Marke sauber herauszuschälen. Wer das nicht tut, landet schnell bei Schlagwörtern wie «innovativ» oder «kompetent», die keine Differenzierungskraft haben. Und schliesslich geht es auch darum, das Versprechen einzulösen, das man macht.

Tobias Hunziker, Leiter Verkauf Retail, Handel & FMCG bei Swiss Post Advertising: Das unterschreibe ich. Unser Versprechen bei Swiss Post Advertising lautet «Echte Daten, echte Menschen, echte Wirkung». Das müssen wir einhalten, sonst funktioniert unsere Differenzierung nicht. Wenn wir Kundinnen oder Medienagenturen die Herleitung unserer Daten erklären, ist das greifbar und nachvollziehbar.

Simone Raubach, Deputy Managing Director und Brand Strategist bei Heads Corporate Branding AG: Für mich sind Konsistenz und Kohärenz die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Die Markenidentität muss sich überall manifestieren – von der visuellen Kommunikation über den Content bis hin zum Kundenservice. Es darf keine Brüche geben. Im Visuellen ist die Differenzierung wichtig, um die gewünschte Wahrnehmung zu steuern. Wenn ein Unternehmen als Disrupter oder First Mover wahrgenommen werden will, muss es visuell anders auftreten als die anderen. Allerdings sehe ich es gleich wie Selina Eugster: Anders aussehen zu wollen, nur um anders auszusehen, ist der falsche Ansatz.

Selina Eugster: In der Praxis scheitert die Differenzierung oft daran, dass die Markenidentität intern nicht verstanden und von den Mitarbeitenden nicht gelebt wird. In der Markenführung sagt man, dass eine Marke immer von innen zerstört wird. Die Mitarbeitenden müssen verstehen, wofür ihre Organisation steht und inwiefern dies differenzierend ist. Denn sie tragen die Marke im Alltag nach aussen, beispielsweise in der Art, wie sie das Telefon abheben oder die Kundinnen und Kunden beraten. Dieses Verhalten muss kohärent zur definierten Identität sein.

Wie «different» darf die Markenidentität wirklich sein? Wann ist es zu viel?

Simone Raubach: Die Grenze liegt dort, wo die Glaubwürdigkeit aufhört. Wenn ich zu viel verspreche und die Leistungen nicht einhalten kann, schadet das mehr als es nützt. Marken sollten sich deshalb weniger über das Was, sondern über das Wie differenzieren.

Selina Eugster: Im englischen Markenkontext wird Differenzierung oft mit «distinctiveness» übersetzt – also Besonderheit oder Eigenständigkeit. Dieser Begriff gefällt mir wesentlich besser, weil er bedeutet, aus eigener Kraft heraus besonders zu sein, statt sich im Vergleich mit anderen abgrenzen zu wollen. Für die Differenzierung bedeutet das: Sie muss für die Kundinnen und Kunden relevant sein. Und wer ein relevantes Angebot hat, braucht sich die Frage nach dem richtigen Mass an Differenzierung gar nicht erst zu stellen.

Tobias Hunziker: Wenn ein Unternehmen versucht, sich auf Biegen und Brechen in jedem Teilbereich von der Masse abzuheben, wirkt das schnell erzwungen. Die Quittung folgt prompt: Die Kundschaft kann das Angebot nicht mehr einordnen und fragt sich «Was genau tun die eigentlich?». Deshalb glaube ich an den Grundsatz: So viel Differenzierung wie nötig – nicht mehr, nicht weniger.

Simone Raubach: Ein grosses Problem beim Thema Abgrenzung sehe ich im Portfolio- und Markenmanagement grösserer Unternehmen. Einzelne Business Units fordern für ihre Angebote oft eigene Markenauftritte mit der Begründung, sie müssten für eine spezifische, andere Zielgruppe relevant sein und könnten deshalb nicht wie die Hauptmarke auftreten. Markenstrategisch stellt sich dann die essenzielle Frage: Wie viele Eigenmarken lässt man unter einer Hauptmarke zu? Wie sehr dürfen sie sich differenzieren und wie stark müssen sie trotzdem auf die Hauptmarke einzahlen?

Die Schweiz mag Durchschnitt. Was bedeutet das hinsichtlich Differenzierung?

Simone Raubach: In diesem Klischee steckt sicher ein wahrer Kern. Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten haben jedoch einen hohen Anspruch an Qualität und Vertrauen. Sie merken schnell, wenn hinter den Kulissen etwas nicht stimmt. Was das nun für die Differenzierung bedeutet: Wenn wir beispielsweise für das Erscheinungsbild eines Unternehmens Konzepte entwickeln, erarbeiten wir meist drei Stufen – von der sanften Evolution bis zur Progressivität. So hat die Kundin oder der Kunde eine Auswahl. Es ist bezeichnend, dass am Ende meistens das solide, mittlere Konzept gewählt wird und der Mut für das Extravagante etwas fehlt.

Tobias Hunziker: Dieser Wunsch nach Qualität und Vertrauen macht Differenzierungsversuche durch radikal neue Wege zu einer echten Herausforderung. Man muss sich immer fragen: Wie gut geht der Schweizer Markt mit? Für die Differenzierung von Werbeanbietern bedeutet das: Wer mit einer radikalen Neuigkeit punkten will, muss intern viel Überzeugungsarbeit leisten.

Selina Eugster: Zudem darf man nicht vergessen, dass wichtige Markenentscheide in Gremien gefällt werden. Extreme Positionen sind dort per se schwieriger vermittelbar, man sucht eher den breiten Konsens. Was unsere Kundschaft betrifft, mache ich allerdings oft die Erfahrung, dass bei einer klaren Vision durchaus eine mutige Richtung eingeschlagen wird. Wichtig ist, dass der Entscheid immer dem Selbstverständnis der Organisation folgt.

Schärfen Sie Ihre Positionierung in 6 Schritten

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Was empfehlen Sie Unternehmen, wenn scheinbar kein objektives Alleinstellungsmerkmal für die Differenzierung besteht? Lässt sich ein künstliches kreieren?

Was empfehlen Sie Unternehmen, wenn scheinbar kein objektives Alleinstellungsmerkmal für die Differenzierung besteht? Lässt sich ein künstliches kreieren?

Selina Eugster: Aus Sicht der Markenführung ist es falsch, gegen die eigene Identität etwas Künstliches zu kreieren. Das wäre unglaubwürdig und würde das Vertrauen der Kundschaft zerstören. Es ist eine Realität, dass echte Alleinstellungsmerkmale auf Produkt- oder Leistungsebene aufgrund der rasanten Innovationszyklen kaum mehr langfristig zu halten sind. Umso wichtiger wird die Identität der Marke. Wer weiss, wofür er steht, und das in der Sprache, im Design und im Kundenservice umsetzt, wirkt echt. Diese Authentizität ist heute der einzig wirksame Hebel.

Simone Raubach: Dem schliesse ich mich an. Meiner Erfahrung nach besitzt jede Marke ein Differenzierungspotenzial. Wenn sich dieses nicht über das Was – das Produkt – definieren lässt, dann eben über das Wie oder das Warum – also über die Motivation, die Haltung und den Purpose des Unternehmens.

Tobias Hunziker: Swiss Post Advertising ist dafür ein gutes Beispiel. Auf den ersten Blick bieten wir auf dem Werbemarkt keine neuen, revolutionären Kanäle an. Mailings, Digital out of Home, Display Ads – das erhalten Werbetreibende auch bei anderen Anbietern. Was wir aber aus diesen Komponenten machen, ist einmalig. Unsere USP ist die Kombination des einmaligen Werbeökosystems mit unseren datengetriebenen Lösungen und die Aussteuerung dieser Kanäle zum richtigen Zeitpunkt bei der richtigen Zielgruppe. So schliessen wir den Zufall aus und schaffen besondere Momente, die Handlungen auslösen. Nicht das einzelne Produkt differenziert uns, sondern die orchestrierte Methode dahinter.

Wie können sich Unternehmen so differenzieren, dass die KI dies wahrnimmt und in ihrem Output berücksichtigt?

Tobias Hunziker: Es ist wohl eine Frage der Zeit, bis die Entwickler der KI-Plattformen diese Rankings monetarisieren und Unternehmen bessere Platzierungen kaufen können. Solange das noch nicht der Fall ist, lautet meine Empfehlung an Unternehmen: Nutzen Sie reale Use Cases, um sich abzuheben. Je klarer und faktenbasierter dadurch Ihre Differenzierung ausfällt, desto treffsicherer werden Sie von der Maschine erfasst.

Selina Eugster: Damit eine KI die Muster einer Marke erkennt, muss die Positionierung in allen Aussagen und Aktivitäten absolut klar und konsequent umgesetzt werden. Die Konsistenz erzeugt die Muster, die von der KI ausgelesen werden. Die Kernfrage bleibt also dieselbe wie eh und je: Wofür stehen wir?

Simone Raubach: Die Markenführung im KI-Zeitalter ist eine riesige Herausforderung. Fakt ist: Wenn Content-Manager ihre Texte und Bilder heute nur noch standardisiert mit generativer KI erstellen, landen wir in einer Austauschbarkeit und Durchschnittlichkeit.

Selina Eugster: Deshalb müssen wir Markenagenturen unsere Kundinnen und Kunden viel stärker im Umgang mit KI-Tools befähigen und sicherstellen, dass sie die Markengrundlagen verstehen. Denn diese bieten die nötige Orientierung beim Umsetzen.

Simone Raubach: Richtig. Gleichzeitig verlangt das von uns, das Leistungsangebot anzupassen. Corporate-Design-Manuals für Menschen reichen nicht mehr aus. Wir müssen unseren Kundinnen und Kunden Guidelines und System-Prompts für die KI zur Verfügung stellen. Wenn sie zum Beispiel ihre Bildwelten intern mit KI erstellen wollen, heisst das für uns: Wir schulen sie darin und liefern ihnen Prompts mit exakten Vorgaben zu Perspektiven, Lichtführung und Tonalität, damit der Markenfit gewahrt bleibt.

Personen

Selina Eugster

ist Inhaberin und Creative Director der Solid Identities GmbH.

© Die Schweizerische Post

Tobias Hunziker

ist Leiter Verkauf Retail, Handel & FMCG bei Swiss Post Advertising.

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Simone Raubach

ist Deputy Managing Director und Brand Strategist bei Heads Corporate Branding AG.

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